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Unser Fachforum „Abgestempelt! Das Label „junge Geflüchtete“ auf dem DJHT 2021

Der 17. Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT) fand in diesem Jahr als digitale Fachmesse statt. Rund 260 Aussteller*innen und mehr als 270 Fachveranstaltungen und -foren waren beim DJHT 2021 unter dem Motto „Wir machen Zukunft – jetzt!“ vertreten. Die djoNRW war ebenfalls mit einem gemeinsamen Stand mit dem djo-Bundesverband dabei und hat das Fachforum „Abgestempelt! Das Label ‚junge Geflüchtete‘“ in Kooperation mit dem Landesjugendring NRW ausgerichtet – eine gesellschaftlich drängende und spannende Podiumsdiskussion, die bis auf den letzten Platz ausgebucht war.

Beim DJHT erwartete die Besucher*innen eine fundamentale, politische, philosophische Podiumsdiskussion zum Thema Labeling und das Label „junge Geflüchtete“. Der Begriff soll einbinden, schafft aber neue Grenzen. Welche Türen öffnen sich mit gewählten und gegebenen Labels? Welche bleiben verschlossen? Die Jugendarbeit ist geprägt von Labels: Geflüchtete – Migrant*innen – Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Doch diese Zuschreibung können die jungen Menschen oftmals nur schwer wieder ablegen.  Dabei soll der Empowermentansatz der Jugendverbandsarbeit sie dabei unterstützen, dieses Label abzuschütteln und unabhängig davon neue Rollen zu besetzen.  Gleichzeitig muss die Jugendverbandsarbeit dem Label verhaftet bleiben – zum Beispiel um politische und finanzielle Förderung für die besonderen Bedürfnisse von jungen Geflüchteten einzuholen. Dadurch reproduziert sie diese ausgrenzende Benennung, welche auf das Merkmal „Flucht“ reduziert. Eben dieses Paradox wurde auf dem Podium mit Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Literatur und Jugendverbandsarbeit diskutiert.

Als Referent*innen konnten wir Andreas Bothe, Staatssekretär im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW, Prof. Dr. Karim Fereidooni, Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied Kabinettsausschuss der Bundesregierung zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus und Nizaqete Bislimi- Hošo, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Migrationsrecht und Autorin des Buches „Durch die Wand“ gewinnen. Die Perspektive der Jugendverbandsarbeit wurde durch Celine T. und Ferris T. präsentiert, beide sind ehemalige Vorstandsmitglieder von „B’shayno.Willkommen. – und bleiben.“. Moderiert wurde die Diskussion von Daphne Sagner, Reporterin und Moderatorin des „Vierten Deutschen Fernsehen“ und Mitglied des Kollektiv-afrodeutscher Frauen*.

Doch bevor es in die Diskussion ging waren die Besucher*innen der Fachveranstaltung selbst gefragt ihre Labels etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. In einem interaktiven Teil mit der Antirassismus-Trainerin ManuEla Ritz sollten die Teilnehmenden zunächst fünf Rollen und/oder gesellschaftliche Positionierungen aufschreiben, die sie in ihrem gegenwärtigen Leben haben. Jeweils auf fünf verschiedenen Zettel.

In einem nächsten Schritt wurden die Teilnehmenden gebeten, einen Zettel davon beiseite zu legen, dann noch einen, dann noch einen und dann noch einen – sodass am Ende nur ein Zettel übrig blieb – ein Label, eine Reduktion auf einen Begriff. Wie sich die Teilnehmenden dabei fühlten? Es fiel schwer wichtige Rollen wegzulegen, weil sie ein Teil der Identität sind und ausmachen, wer wir in unserer Ganzheit sind. Aber genau diese Reduktion spüren Personen, die nur auf ein Label reduziert werden tagtäglich.

Mit dieser Sensibilisierung ging es dann in die Podiumsdiskussion. Im Zentrum standen dabei Fragen wie: Wie lang ist eine junge geflüchtete Person eine solche und wann hört sie auf, eine zu sein? Gibt es eine Rolle „post-Flucht“? Wie kann es gelingen, besondere Bedürfnisse zu erkennen und zu berücksichtigen, dabei aber auf ein Labeling zu verzichten? Fragen, auf die bislang weder Politik, noch Gesellschaft, noch Jugendverbandsarbeit eine Antwort gefunden haben. Daher war diese Diskussion ein unglaublich wichtiger Schritt, um mit allen Akteur*innen gemeinsam zu diskutieren und für die Position des jeweils anderen zu sensibilisieren. 

Die ständige Frage „Woher kommst du eigentlich?“ ist dabei oftmals schon Reduktion auf ein Label, das gerade die Geflüchteten kaum ablegen können. Wer entscheidet, wer Deutsche*r ist? Das Label Geflüchtete*r oder Migrant*in kann kaum abgelegt werden, weil es zu Vorurteilen und Vorverurteilungen aufgrund von Aussehen oder Namen kommt. Die beiden Ehrenamtlichen Celine und Ferris berichteten von dieser Erfahrung, wie sie diese Diskriminierung in Deutschland erlebt hat und sie das Label ‚junge Geflüchtete‘ nicht ablegen konnten und dies immer als Hürde empfunden haben und noch empfinden.    

Wann hört es auf, dass junge Geflüchtete junge Geflüchtete sind? Klassifizierungen werden zu Hürden, die man zuvor nicht gespürt hat, zu gesellschaftlichen Hürden, die kaum überwunden werden können, so Nizaquete Bislimi- Hošo. Es muss sich noch vieles ändern in unserer Gesellschaft, auch wenn die Benennung und das Label zu einer Förderung benachteiligter Gruppen führt. Eine Gesellschaft sollte soweit sein, dass sie auch ohne die Klassifizierung und ohne das Labeling auskommt. Ein Spagat zwischen dem Sehen eines Bedarfs auf der einen und das Überwinden der Klassifizierung auf der anderen Seite. 

Aus der Sicht des Staatssekretärs Andreas Bothe kann das Labeling auch positive Auswirkungen haben, sie kann identitätsstiftend für eine Gruppe sein, doch die negativen Folgen überwiegen, wenn man Labels nicht mehr ablegen kann. Er betonte, dass sich die Angebote des Förderprogramms des Ministeriums bewusst an junge Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte richten, um dieser Unterscheidung entgegenzuwirken. . Jedoch ist es auf einer administrativen Ebene notwendig mit Labels zu arbeiten. Warum muss bei Anträgen dort überhaupt ein Label stehen? Es gibt eine Notwendigkeit der Zuordnung im Haushalt eines Ministeriums, denn der Bedarf muss erkennbar sein. Die geschieht nicht mit einer diskriminierenden Absicht, aber leider mit diskriminierender Wirkung. Daraus ergab sich eine weitere zentrale Frage: Wie kann man diese Labels langfristig überwinden?

Damit befanden wir uns direkt in der Dilemma-Debatte des Labelings an sich, wie Prof. Dr. Karim Fereidooni sie nannte. Wir haben nicht alle die gleichen Zugänge und die gleichen Teilhabechancen und deshalb müssen bestimmte Gruppen gefördert werden. Doch wann muss ich im Sinne des Diskriminierungsschutzes bestimmte Gruppen fördern und wann muss ich sie gleich behandeln?

Der Umgang mit Strukturen der Ungleichheit und wo dort die Grenzen gezogen werden müssen, ist eine der schwierigsten pädagogischen Frage überhaupt, so Fereidooni. Können Labels abgeschafft und dennoch Chancenungleichheiten ausgeglichen werden? Wie können wir einen gesonderten Bedarf und eine ungleiche Ausgangslage deutlich machen, ohne Labels zu benutzen? Staatssekretär Bothe betonte dabei auch noch einmal die komplexe rechtliche Perspektive: Ungleiches darf nicht gleich behandelt werden, sondern muss ungleich behandelt werden, damit eine Gleichheit an Teilhabe und Chancen wiederhergestellt werden kann.

Wir haben auf dem Podium eruiert, wie eine empowernde Jugendverbandsarbeit möglich sein kann. Erste Lösungsansätze waren dabei, die Konnotation der Begriffe und Labels zu verändern, sich Begriffe zurückzuerobern und ihnen die negative Bedeutung zu nehmen. Ungleichheitssensibel zu agieren, z.B. in der Ausbildung der Lehrkräfte, die als Mutiplikator*innen handeln. Jeder kann ein Stück dazu beitragen, dass Ungleichheit abgebaut wird. Menschen einen sicheren rechtlichen Rahmen geben, das Bleiberecht zu sichern und ihnen die Möglichkeit einer sicheren Perspektive geben. 

So fasst es Celine auch sehr emotional am Ende der Diskussion zusammen: „Ich möchte eines Tages damit aufhören, Angst davor zu haben zu sagen, dass ich Syrerin bin, ohne aufgrund der Reaktion ergänzen zu müssen, dass ich eigentlich Armenierin bin. Ich möchte, dass diese Anpassung irgendwann nicht mehr nötig ist.“

Durch die Einbindung verschiedener Perspektiven während der Podiumsdiskussion wurden Probleme, Lösungsansätze und Erfahrungen und ihre Wirkungen aus den verschiedenen Bereichen der Politik, Wissenschaft und Jugendverbandsarbeit sichtbar gemacht. Es gibt noch viele unbeantwortete Fragen und einen langen Weg zu gehen, der aber notwendig ist, damit Chancengleichheit und Diskriminierungsschutz in der Gesellschaft verankert und gelebt werden kann.